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Akupunktur in der Praxis Dr. med. Peter Lumbeck

 

Kurzfassung

Das seit Jahrtausenden überlieferte therapeutische Wesen der Akupunktur – durch Nadelreize Krankheiten zu lindern oder zu heilen – hat bis in die heutige Zeit der technisierten und computerisierten Medizin überdauert.

Die Akupunkturpunkte stehen mit Meridianen, in denen nach chinesischer Vorstellung die Lebensenergie fließt in Verbindung. Sie entsprechen Durchgangsstellen der körpereigenen und äußeren Energie. Ein Akupunkturpunkt ist somit der Ort der Reizübertragung auf lokale, segmentale und übersegmentale Funktionsbereiche. Die Wirkung der Akupunktur knüpft sich an ein intaktes Organsystem. Ihr am besten erforschter analgetischer Effekt läßt sich durch Anstieg von Endorphin sowie durch eine deszendierende Schmerzhemmung über einen Serotoninanstieg bei gleichzeitigem Anheben der Schmerzschwelle und Lockerung des Muskeltonus erklären.

Bevor ein Krankheitsbild mit Akupunktur behandelt wird, muß eine moderne westliche Diagnostik mit Ausschluß einer Organerkrankung erfolgen. Im Anschluß daran kann die funktionelle Störung als Ausdruck eines Mißverhältnisses des energetischen Gleichgewichts mit Akupunktur behandelt werden.

Ein bleibender Therapieerfolg läßt sich nur nach Ausgleich eines gestörten Energiepotentials von Yin und Yang erzielen. Akupunktur heilt was gestört ist, - nicht, was bereits zerstört ist.

Klassische Indikationen bilden daher reversible Erkrankungen. Kontraindikationen bestehen bei schweren Infektionskrankheiten, wie Z.B. bei einer akuten Pneumonie. Als klassische Indikationen gelten chronische oder akute Schmerzzustände. Um den berechtigten Einsatz der Akupunktur als weiteres therapeutisches Konzept nicht zu gefährden, sollte sie stets neben schulmedizinischen Methoden zur Anwendung kommen.

Die Geschichte der Akupunktur

Die Anfänge der Akupunktur liegen in China. Über die Zeit des Entstehens gibt es widersprüchliche Angaben. Fest steht, daß die Akupunktur bereits 2000 Jahre v.Chr. in China angewandt wurde. Die Ursprünge liegen jedoch weiter zurück. Man schätzt etwa 3000 bis 4000 v.Chr.. Aus Aufzeichnungen, die etwa in die Zeit um 1600 v.Chr. zu datieren sind, weiß man, daß zugespitzte Bambus- und Bronzenadeln zur Behandlung verwendet wurden. Bei Ausgrabungen gefundene zugespitzte Steine, die einer früheren Zeit (etwa 3000 v.Chr.) zugeordnet werden konnten, weisen auf erste Anfänge der Akupunktur hin.

Um die Hintergründe zu verstehen, muß man das Krankheitsbild im China dieser Zeit betrachten. Krankheit bezog sich nicht nur auf körperliche und seelische Gebrechen Das waren sowohl körperliche Zustände, wie Schmerzen oder Verletzungen. Aber auch persönliche oder kollektive Mißerfolge und Naturkatastrophen. Überschwemmungen und Kampfniederlagen hatten demzufolge den gleichen negativen Stellenwert wie Bauchschmerzen.

Die Behandlung von Krankheiten stellte daher immer auch einen Zusammenhang zwischen Mensch und Natur her. Krankheit war im Verständnis der Zeit der gesamtheitliche Mißstand. Und das Gegenteil war die völlige Harmonie des Menschen mit seiner Umwelt, der Natur und sich selbst. Diese Sicht bestimmt wesentlich den ganzheitlichen Therapieansatz der traditionellen chinesischen Medizin.

Vor etwa 1400 Jahren gelangte die Akupunktur über Korea nach Japan. Eine weitere Verbreitung fand zunächst nicht statt. Erst im 14. Jahrhundert n.Chr. wurde die Akupunktur durch Berichte von Marco Polo auch in Europa bekannt. Im 17. Und 18. Jahrhundert wurde die Akupunktur dort zunächst nur an den Fürstenhöfen angewandt. Im 19. Jahrhundert nahm aber die Zahl der kritischen Anmerkungen zu. Darüber geriet die Akupunktur in Europa gegen Ende des 19. Jahrhunderts wieder in Vergessenheit.

Anfang der 50er Jahre in Europa und wenige Jahre später in den USA kam die Akupunktur wieder in den Westen. Doch erst 1972, mit Nixons Besuch in China, wurde die Akupunktur auch in den Medien populär. Seitdem hat sich die Akupunktur sowohl in den USA als auch in Europa vehement weiter entwickelt. Während in den USA die Therapie überwiegend von chinesischen Einwanderern geprägt ist, wurde sie in Europa eine 'ärztliche' Therapie. Inzwischen ist sie weit verbreitet und wird erfolgreich bei einer ganzen Reihe von Indikationen eingesetzt und hat auch ihren Weg an die Universitäten gefunden.

Akupunktur ist heute außerhalb Asiens in den westlichen Ländern eine ernsthafte Therapie geworden, die erforscht wird und sich weiterentwickelt. In vielen Ländern ist sie bereits eine anerkannte Ergänzung zur westlichen Schulmedizin und wird von dieser auch anerkannt.

Die Wirkungsweise der Akupunktur

Die Denkweise der traditionellen chinesischen Medizin hat die Akupunktur und Wirkungsweise nie in Frage gestellt. Forschungen, die die Wirkungsweise der Akupunktur offenlegten, gab es in China zwar ab den 60er Jahren in Ansätzen. Doch erst der Erklärungszwang für die fernöstliche Therapie führte im Westen, vornehmlich in Europa und den USA, zu ernsthaften wissenschaftlichen Bemühungen, eine Erklärung für die Wirkungsweise der Akupunktur zu finden.

In früheren Jahren nahm man an, daß die Akupunktur zusammen mit anderen, wie der Reflexzonentherapie, Bädern und Massagen, den 'Hautreizungsmethoden' zuzuordnen sei. Durch die Arbeiten von HEAD war zudem bekannt, daß die Reizung reflektorischer Schmerzzonen auf der Haut Schmerzen kurzfristig ausschalten konnten. Aus all dem ließ sich jedoch nicht ableiten, warum und wie sich Reizungen auf bestimmten, Organen zugeordneten Bahnen (Meridianen) auf bestimmte Krankheitsbilder auswirkten. Andere Überlegungen, häufig von Seiten der kritischen Schulmedizin hervorgebracht, erklärten die Akupunktur ganz einfach mit wirksamen Plazebo-Effekten. Doch auch diese Kritiker vermochten nicht zu erklären, wieso auch Säuglinge und Tiere, die auf Plazebo-Effekte eher schlecht ansprechen, mit Akupunktur wirkungsvoll behandelt werden konnten. Auf einen einfachen Punkt gebracht: Warum können 2 Nadeln in der Kniekehle eines Patienten diesen innerhalb von Minuten von einem seit Tagen bestehenden äußerst schmerzhaften Hexenschuß befreien, nachdem nicht einmal regelmäßige Kortison_Injektionen dazu in der Lage waren?

Anhand von wissenschaftlichen Arbeiten aus dem Westen (USA, Europa) konnten jedoch eine Reihe von Ergebnissen festgestellt werden, die die Möglichkeiten einer Erklärung für die Wirkungsweise drastisch erhöht haben. So weiß man inzwischen, daß Akupunkturpunkte durch verschiedene nachvollziehbare Methoden aufgefunden werden können. Akupunkturpunkte weisen in ihrer Umgebung einen erheblich geringeren elektrischen Widerstand an der Hautoberfläche aus, als an der normalen Hautoberfläche (bis zu 85% geringer). Auf Basis dieser Ergebnisse wurden elektrische und elektronische Punktsuchgeräte entwickelt, mit denen man die Lage der Punkte bei einem Patienten sehr präzise feststellen kann. Andere Resultate weisen nach, daß sich beim Abtasten leichte Vertiefungen an den Stellen des Körpers feststellen lassen, an denen sich Akupunkturpunkte befinden. Zudem befinden sich nahezu alle Akupunkturpunkte an Hautstellen, an denen Nervenbündel durch die Faszie nach oben steigen.

Zur Erklärung der Meridiane gibt es viele Hypothesen, deren wissenschaftliche Überprüfung jedoch teilweise noch aussteht. So geht eine der vielversprechendsten Hypothesen davon aus, daß Meridiane transpinale Verbindungswege in Form von Neuronenketten sind. An den Synapsen dieser Ketten und an den Kollateralen der einzelnen Glieder sind Verbindungen zu den Punkten möglich. Das Gehirn projeziert dann die ankommenden Erregungen auf die Haut.

All das Wissen oder auch die Hypothesen zu Akupunkturpunkten und Meridianen erklären dennoch nicht die Wirkungsweise der Akupunktur. Allerdings ist man inzwischen soweit, daß viele Teilbereiche der Wirkungsweise als 'wissenschaftlich überwiegend erklärt' angesehen werden. So wird zur Zeit von niemandem ernsthaft bestritten, wie die analgetische Wirkung der Akupunktur zustandekommt.

Im Falle einer Schmerzauslösung werden beim Menschen die Nozizeptoren erregt. Sie wandeln den Reiz in einen elektrischen Impuls um und leiten ihn zum Rückenmark weiter. Dort wird der Impuls von der Hinterhornneurone über das Rückenmark zum Zwischenhirn und von dort zum Großhirn geleitet. Wird ein Akupunkturpunkt gereizt (z. B. durch eine Nadel), vollzieht sich der gleiche Ablauf.

Als "Botenstoff" dienen dabei die Substanzen Enkephalin und Dynorphin. Hat ein Mensch Schmerzen, wird zunächst der "Schmerzimpuls" zur Hinterhornneurone weitergeleitet. Wird nun ein diesem Schmerz entsprechender spezieller (!) Akupunkturpunkt gereizt, wird auch von dort ein Impuls an die Hinterhornneurone weitergeleitet. Durch Untersuchungen konnte man feststellen, daß dabei die Übermittlung der eigentlichen ursprünglichen Schmerzinformationen an das Gehirn teilweise unterdrückt wird. Man konnte auch feststellen, daß durch den Reiz, der von einem speziellen Akupunkturpunkt ausgeht, die elektrische Sensibilität der Hinterhornneurone erheblich nachläßt.

Durch jüngere Forschungsarbeiten konnte man nachweisen, daß es durch die Übermittlung der Impulse, die durch die Reizung von Akupunkturpunkten ausgelöst werden, zu einer vermehrten Ausschüttung von Endorphinen kommt.

Durch all diese Ergebnisse ist die Wirkungsweise der Akupunktur nicht vollständig erklärt. Doch täglich kommen neue Mosaiksteinchen hinzu, die den noch bestehenden Fragenkomplex schrumpfen lassen. Viel präziser sind inzwischen Arbeiten, die das "was" der Akupunktur beschreiben. Die Liste der Indikationen und der Therapiehinweise zur wirkungsvollen Akupunkturbehandlung erweitert sich permanent.

Die Instrumente der Akupunktur

Aus Aufzeichnungen, die etwa in die Zeit um 1600 v.Chr. zu datieren sind, weiß man, daß zugespitzte Bambus_ und Bronzenadeln zur Behandlung verwendet wurden. Bei Ausgrabungen gefundene zugespitzte Steine, die einer früheren Zeit (etwa 3000 v.Chr.) zugeordnet werden konnten, weisen auf erste Anfänge der Akupunktur hin.

So wissen wir es aus der Geschichte der Akupunktur. Heute wissen wir aber auch, daß man Akupunkturpunkte mit allen möglichen Methoden stimulieren kann. Mit Laserstrahlen, mit elektrischen Impulsen, durch einfaches Pressen und durch Erwärmen der Hautoberfläche. Doch die Nadeln sind weiterhin die Standardinstrumente für die Akupunktur. Wie vor 4000 Jahren. Heute werden immerhin über 97% aller Behandlungen mit Nadeln durchgeführt. Der Grund liegt in der Besonderheit der Behandlungsform: Bei einer Akupunkturbehandlung werden fast immer (es gibt nur wenige Ausnahmen) mehrere Akupunkturpunkte an verschiedenen Körperstellen gleichzeitig stimuliert. Das kann man am besten mit Nadeln. Wiederverwendbare Nadeln und sterile Einmalnadeln.

Anwendungsbeispiele

Die Behandlung von Kopfschmerzen wird im Westen als eine "besonders erfolgreiche Domäne" der Akupunktur bezeichnet. Die Akupunktur ist tatsächlich erstaunlich wirkungsvoll bei der Behandlung von Spannungskopfschmerzen und vor allem bei der Behandlung und Heilung der Migräne! Bei der Migräne besteht sogar die Möglichkeit, bisher vermeintlich therapieresistente Erkrankungen zu heilen, d.h. Migräneformen, bei der keine andere Therapie etwas ausrichten konnte.

Suchtbehandlung

Die Erfolge in der Suchtbehandlung durch Akupunktur werden vor allem in der Presse immer wieder hervorgehoben. Die sogenannte "Raucherentwöhnung" ist dafür ein gutes Beispiel. Tatsächlich kann die Akupunktur bei einer ganzen Reihe von Suchterkrankungen wirkungsvoll helfen oder die jeweilige Entziehung erfolgreich begleiten. Dazu im einzelnen folgendes:

Nikotinsucht: Die Akupunkturbehandlung reduziert bei der Raucherentwöhnung die für den Patienten unerwünschten Begleiterscheinungen. Vor allem die übergroße Nervosität und die anfallartig auftretende "Gier nach der Zigarette" werden deutlich vermindert. Raucherentwöhnungen, die durch Akupunktur begleitet werden, sind überwiegend sehr erfolgreich (nur 20-25% Rückfallquote).

Alkoholsucht: Bei der Behandlung der Alkoholsucht kann auf die Einnahme von Medikamenten nicht verzichtet werden. Die Akupunktur erweist sich jedoch bei der Beruhigung des Patienten als sehr wirkungsvoll.

Drogensucht: In den USA wird der Drogenentzug vermehrt durch Akupunkturbehandlung begleitet. Eine Gruppe von Ärzten hat sich zwischenzeitlich erfolgreich auf diese Zusatzbehandlung spezialisiert. Es gibt eine eigene Ärzteorganisation (NADA), die inzwischen weltweit vertreten ist und entsprechende Ausbildungen für Mediziner durchführt. Am Lincoln-Hospital in der South-Bronx in New York werden täglich über 300 Entzugspatienten (überwiegend Heroin) mit Akupunktur behandelt.

Freßsucht: Bei übergewichtigen Patienten, bei denen eine Stoffwechselerkrankung durch Untersuchungen eindeutig ausgeschlossen wird, kann die Akupunkturbehandlung bei ärztlich begleiteten Diäten ebenfalls unterstützend wirken. So werden durch die Therapie Schweißausbrüche, Zittern und Heißhungergefühle fast vollständig ausgeschaltet.

Psychische Funktionsstörungen

Die Akupunktur kann - je nach Behandlung - einen Patienten stimulieren oder beruhigen. Daraus ergeben sich gute bis sehr gute Erfolge bei der Behandlung von sogenannten psychischen Funktionsstörungen. Die Akupunktur hat sich als wirkungsvolle Behandlungsmethode bei Schlaflosigkeit, Konzentrationsschwäche, Reizbarkeit und Abgeschlagenheit erwiesen. Gerade im Westen wird die Akupunktur seit einigen Jahren erfolgreich in der sogenannten Streßbehandlung eingesetzt.

Neurologische Erkrankungen

Neben den oben bereits beschriebenen Erfolgen bei der Behandlung von Lumbago (Hexenschuß) oder bei Ischialgien ist vor allem die Behandlung von Phantomschmerzen sehr erfolgreich.

Herz- und Kreislauferkrankungen

Immer unter der Voraussetzung, daß eine vorherige eingehende Untersuchung klar und eindeutig feststellt, daß keine organische Krankheit vorliegt, ist die Akupunkturbehandlung bei funktionellen Herzbeschwerden häufig sehr erfolgreich. In den letzten Jahren wurde die Akupunktur häufig als Begleittherapie bei der Behandlung von Herzrhythmusstörungen eingesetzt. Die Dosierung der dabei verabreichten Medikamente konnte durch die Akupunkturbehandlung deutlich reduziert werden.

Erkrankung der Atmungsorgane

Für ihre sehr guten Erfolge bei der Behandlung von chronischem Asthma ist die Akupunktur bekannt. Bei Erwachsenen gibt es sehr gute Behandlungsergebnisse bei chronischer Bronchitis. Bei Erwachsenen kann die Akupunktur bei chronischem Asthma die Anfälle unterbinden und - gelegentlich auch in Verbindung mit Zusatztherapien - die Krankheit heilen. Bei Kindern reicht die Akupunktur beim bronchialen Syndrom häufig als alleinige Behandlungsmethode aus.